Als Französischlehrerin war ich ja schon immer neugierig, wie der Schulalltag in Frankreich im echten Leben abläuft. Dank Erasmus+ bekam ich die Möglichkeit, Anfang Juni eine Woche lang genau die Schule zu besuchen, in der meine Schülerin Anne-Sophie Levassor aus der 6c ein ganzes Schuljahr verbracht hat.
Schul-Infrastruktur
Das Lycée Le Corbusier in Illkirch-Graffenstaden am südlichen Stadtrand von Straßburg ist für unsere Verhältnisse riesig: Zwölf Gebäude auf einer Fläche von acht Hektar. Ungefähr 2000 Schülerinnen und 200 Lehrerinnen gehen dort täglich ein und aus – mittels Chipkarte kommen sie durchs Eingangstor. Neben zahlreichen Klassenräumen gibt es dort ein Internat für 300 SchülerInnen, mehrere Werkstatthallen für den praktischen Unterricht der Lehrlinge (die in Frankreich selten in Betrieben, sondern meist in Schulen ausgebildet werden), eine riesige Kantine, eine Schulbibliothek, einen Theater- und Veranstaltungssaal uvm. Ihre Pausen und Freistunden verbringen die SchülerInnen im Schulhof, in der Bibliothek oder in den Aufenthaltsklassen, denn sie haben anders als bei uns keine fixen Klassenräume.
Rahmenbedingungen und Schulkonzept
In Frankreich gilt das Konzept der Gesamt- und Ganztagsschule, d.h. alle Kinder gehen in dieselbe Schule und haben von ca. 8.00 bis 17.00 Uhr Unterricht inklusive Mittagessen in der Schulkantine. Das Lycée Le Corbusier ist eine Oberstufen-Gesamtschule mit drei Zweigen bzw. drei Ausbildungszielen, vergleichbar mit unserer AHS, BHS (Schwerpunkte Design, Architektur und Ingenieurwesen) und einer berufspraktischen Schule, in der verschiedene Lehrberufe erlernt werden können. Nach einem Orientierungsjahr in der 6. Klasse wählen die SchülerInnen je nach Interesse und Begabungen dann die für sie ideale Ausbildungsschiene, die sie mit der Matura (frz. bac) oder einer Lehrabschlussprüfung abschließen. Daneben gibt es noch zahlreiche Vorbereitungs- und Förderprogramme. Ziel der Schule ist es, für alle eine passende Ausbildung anzubieten und niemanden zurückzulassen – ein schöner Gedanke.
Schulalltag
Die Rahmenbedingungen machen den Schulalltag für SchülerInnen und Lehrkräfte nicht gerade einfach: In einer Klasse sitzen meist 33 Jugendliche, die oft sehr unterschiedliche Interessen und Begabungen haben. Die Unterrichtssprache ist Französisch. SchülerInnen mit anderer Muttersprache und schlechten Französischkenntnissen erhalten zusätzliche Sprachförderstunden. Da es seit ein paar Jahren in Frankreich für alle ab der 6. Klasse gratis Laptops gibt, wurden die gedruckten Schulbücher in der Oberstufe abgeschafft. Stattdessen gibt es nur noch eBooks (solo) und von den Lehrkräften erstellte Unterrichtsmaterialien. Da ich in der letzten Schulwoche vor den Maturaprüfungen zu Besuch im „Le Corbusier“ war, standen einige Projekte auf dem Programm und auch ein von den SchülerInnen der 7. Klasse organisierter Redewettbewerb, bei dem mich die Redegewandtheit und das selbstsichere Auftreten der KandidatInnen sehr beeindruckt hat. Besonders gefallen hat mir bei den besuchten Unterrichtsstunden die starke Projektorientiertheit, durch die die Jugendlichen lernen mit Freiräumen und Verantwortung umzugehen und ein Ziel oder Endprodukt im Auge zu behalten und umzusetzen. Im Rahmen des Märchenprojekts zu 1001 Nacht wurde zum Beispiel die Wand bei der Schulbibliothek passend bemalt. Das Endergebnis ist sehr gelungen.
Resümee
Die Woche in Straßburg hat mir spannende Einblicke in eine französische Schule ermöglicht. Ich war bei vielen Unterrichtsstunden und Schul-Veranstaltungen dabei, habe interessante Gespräche geführt und neue Ideen mitgenommen. Mein Besuch war auch ein erster Anknüpfungspunkt für weitere Kontakte – vom möglichen Austausch via E-Mail zwischen unseren SchülerInnen, über gemeinsame Projekte online bis zu einem möglichen Besuch im jeweils anderen Land. Danke an alle, die mir diese Erfahrung ermöglicht haben!
Sandra Wolkerstorfer
