Im Rahmen des Erasmus+ Programms hatten wir (Anna Wiplinger und Heike Pichler) die Möglichkeit, eine Woche lang Schulen in Finnland zu besuchen und dort am Unterrichtsgeschehen teilzunehmen. Während unseres Aufenthalts besuchten wir zwei Schulen: eine Schule im Raum Helsinki sowie eine Schule in Hanko. Der Austausch ermöglichte uns einen intensiven Einblick in den finnischen Schulalltag und bot zahlreiche Anregungen für die eigene Unterrichtspraxis.
Moderne Ausstattung und optimale Arbeitsbedingungen
Besonders beeindruckt hat uns die Ausstattung der Schulen und die Arbeitsbedingungen für Lehrpersonen. Jede Lehrkraft verfügte über einen großzügigen eigenen Arbeitsplatz mit Computer, Drucker und ausreichend Stauraum. Der Pausenraum der Lehrpersonen war tatsächlich ein Ort der Erholung: geräumig, gemütlich und klar vom Arbeitsbereich getrennt.
Auch für die Schüler:innen gab es vielfältige Freizeitmöglichkeiten und gemütliche Pausenräume zum Rumhängen, sich Austauschen und Entspannen.
Überraschend: Die Schule war nicht nur Raum für Lehrer:innen und Schüler:innen – auch Eltern, Freund:innen oder Leute von der Straße durften spontan den Unterricht besuchen. Dass das niemand unerlaubterweise mit dem Skateboard machte, dafür sorgten (zumindest in der Privatschule) Kameras und strenge Stimmen aus dem Mikrophon..
Und was wäre eine finnische Schule ohne eigene Sauna für die Lehrer:innen?
Schulalltag aus Schüler:innenperspektive
Ein zentrales Element des finnischen Systems ist die große Selbstständigkeit der Schüler:innen. Sie können ihren Stundenplan vergleichsweise frei gestalten und haben deutlich weniger verpflichtende Fächer als im österreichischen System.
Sehr positiv fiel uns auch das kostenlose Schulessen für alle Schüler:innen auf. Lehrpersonen erhalten ein mehrgängiges, gesundes Mittagessen zu einem sehr günstigen Preis. Gemeinsames Essen ist dadurch ein selbstverständlicher Teil des Schultages. Gewöhnungsbedürftig: Sauermilch statt Saft!
Lebensnahe Unterrichtsinhalte
Besonders spannend fanden wir das Fach Social Studies. Dieses Unterrichtsfach bündelt Inhalte, die Jugendliche konkret auf das Erwachsenenleben vorbereiten: Steuern, rechtliche Grundlagen, gesunde Ernährung, Umgang mit Geld oder gesellschaftliche Verantwortung.
Auch die Berufsorientierung nimmt einen hohen Stellenwert ein. Schüler:innen werden intensiv bei ihrer Karrierewahl begleitet. Schulcoaches führen Einzelgespräche, zusätzlich gibt es eigene Unterrichtseinheiten zur Zukunftsplanung.
Unterstützungssysteme an Schulen
Auffällig war die große Zahl zusätzlicher Fachkräfte im Schulalltag. Eine Schulpsychologin ist ständig anwesend, und es gibt Lehrpersonen, deren Aufgabe ausschließlich darin besteht, bei Unterrichtsstörungen zu unterstützen. Diese gehen von Klasse zu Klasse und kümmern sich gezielt um einzelne Schüler:innen, sodass der Unterricht für alle anderen ungestört weiterlaufen kann.
Überraschende Unterschiede
Neben vielen positiven Eindrücken gab es auch Aspekte, die uns überrascht haben. Die Beziehung zwischen Lehrpersonen und Schüler:innen wirkte insgesamt distanzierter als wir es gewohnt sind. Lehrkräfte gaben häufig Arbeitsaufträge, ohne anschließend intensive Rückmeldungen oder persönliche Gespräche zu führen.
Auch die Unterrichtsplanung unterschied sich deutlich von unserem Verständnis: Oft wurde hauptsächlich das Schulbuch systematisch durchgearbeitet, während spielerische Methoden, Projekte oder offene Unterrichtsformen seltener zu beobachten waren.
Diese Beobachtungen bestärkten uns in unserem persönlichen Arbeiten. Wir bemerkten: So schlecht sind wir gar nicht und die Finn:innen kochen auch nur mit Wasser – und das ist nicht immer gesalzen.
Mehr als ein Schulbesuch – europäisches Lernen
Der Erasmus-Austausch wurde von uns als äußerst bereichernd erlebt. Das Arbeiten in einem anderen Bildungssystem erweitert den eigenen Blickwinkel und schärft die Wahrnehmung als Europäer:innen.
Der Aufenthalt stärkte das Gefühl europäischer Gemeinschaft und machte gleichzeitig deutlich, wie wertvoll der Vergleich unterschiedlicher Systeme ist: Man erkennt neue Ideen und Verbesserungspotenziale, sieht aber auch klar, welche Aspekte im eigenen Schulsystem bereits sehr gut funktionieren.
Erasmus+ ermöglicht somit nicht nur fachliche Weiterbildung, sondern auch persönliche Entwicklung, internationale Vernetzung und eine realistische Reflexion der eigenen pädagogischen Arbeit.
